Die Musentraumfrau Tod

Anspruch, Schuldgefühle, Erlösungshoffnung, Selbstzerstörung: "Die Tagebücher" von Sylvia Plath erscheinen erstmals in einer deutschen Ausgabe

von Anke Westphal, erschienen in der Berliner Zeitung 1997

Unglück mag wortlos sein, seine Zeichen jedoch sind universal. "Das Leben umsteht mich, wie Glas das eingeschlossene Schilfrohr", schrieb Virginia Woolf, die sich ertränkte, 1931 in ihrem Roman "Die Wellen". 28 Jahre danach, drei Jahre vor dem eigenen Suizid notierte eine junge Amerikanerin in ihrem Tagebuch ähnliches: "Ich schaue auf die warme irdische Welt hinab. Auf Liebesnester, auf Kinderwiegen, gedeckte Tische, auf all das tolle Treiben des Lebens auf dieser Erde und komme mir weit weg vor, umgeben von einer Wand aus Glas." Der Name Sylvia Plath steht für den Roman "Die Glasglocke", das Sterbe-Gedicht "Lady Lazarus", Erzählungen wie "Zungen aus Stein" oder "Johnny Panic und die Bibel der Träume". Allesamt Variationen eines Themas: Johnny Panic war nur eins der Plathschen Synonyme für die "dunkle Herbstkrankheit", den Wahnsinn, das Untergehen in sich selbst.

Plaths Tagebuch-Aufzeichnungen beginnen 1950 und enden im Mai 1962. Im Falle Sylvia Plath stellt sich wie in ähnlich gelagerten Fällen anderer Selbstmörder - man denke an die Dichter-Performer Anne Sexton oder Steven Jesse Bernstein - die Frage, wo die öffentliche Verfügbarkeit des Künstlers endet und der Schutz des Privatraums beginnt. Ted Hughes, der geschiedene Mann Sylvia Plaths, selbst Dichter und neben Frances McCullough Herausgeber ihrer Tagebücher, hat dieses unlösbare Problem zerschlagen wie den gordischen Knoten, indem er Plaths letzte Tagebücher vor dem Selbstmord verbrannte, "weil ich nicht wollte, daß ihre Kinder das je lesen müßten (damals hielt ich das Vergessen für einen wichtigen Teil des Überlebens)."

Der Umstand, daß eine deutsche Ausgabe der Plath-Tagebücher jahrzehntelang gespannt erwartet wurde, hat das Unternehmen wohl eher belastet denn gefördert. Waren nun ein juristischer Knebelvertrag, Geldmangel oder vorauseilender Gehorsam der Grund dafür, daß die deutsche Ausgabe Textmasse und Kommentar der amerikanischen schlichtweg übernimmt? Das heißt, von einem Kommentar, einem "Minimum", wie es beschönigend heißt, kann nicht die Rede sein - eher handelt es sich um verschwindend wenige, dafür aber entschieden suggestive Fußnoten. Außerordentlich bizarr muß wirken, daß die Herausgeber notwendige Anmerkungen zu den in den Tagebüchern erwähnten Personen und Geschehnissen einsparten (wer hat schon Plaths gesamtes Werk im Kopf?) und statt dessen festlegten, was man vom Gelesenen zu halten habe. Als Plath - nur ein Beispiel - einmal von ihrer Großmutter als "einer fetten, verschmierten und unvollkommenen Großmutter" schreibt, wird "richtiggestellt", daß Sylvia die alte Frau natürlich schrecklich geliebt habe. Nicht Widersprüche der Autorin sind ein Unding, sondern die editorische Beflissen- und Unverschämtheit, unliebsame, auch verletzende Ambivalenzen, wie sie sich nun einmal in den Tagebüchern einer so komplizierten Persönlichkeit niedergeschlagen haben dürften, weichzuzeichnen.

Niedergeschlagen haben dürften? Die Vorsicht ist angebracht, sind die Tagebücher doch außerdem um alle, tja nennen wir es schlimmen Passagen gekürzt. "Ganz vernichtende Bemerkungen" wurden "ausgelassen", des weiteren "bösartige Spitzen", denn "Plath hatte eine sehr scharfe Zunge und zwar so gut wie allen gegenüber", und "Sylvia Plaths Erotik, die ziemlich ausgeprägt war". Die Textkürzungen orientierten sich daran, das zu bewahren, was die Herausgeber "für das Wesentliche halten". Ein Kriterium, dem folgend Plath zum Gutteil als ein zwar schwieriger, aber in Reinheit stetig sich mühender Mensch ersteht.

Ironischerweise mißlang gerade das Sylvia Plath immer wieder - der Versuch, ein idealisches Leben zu führen: als priesterinnenhafte Künstlerin, von pflegeleichten Kindern innerlich reich gemacht, an der Seite eines Künstler-Prinzen. Ein perfektes Leben als in sich ruhende himmlische Erdmutter, die preisgekrönte Bücher schreibt, gern kocht und auch sonst Eindruck macht. Die Ich-Bedrohung, die von der Nähe des überlebensgroßen "schwarzen Panthers" Ted Hughes ausging, hat Plath dabei unterschätzt. "Bücher & Babys & Boeuf Bourguignon" hatte sie sich vorgestellt, doch die Aggressionen, die beim Zusammentreffen von höchstem Ehrgeiz, Ambitionen, Konkurrenzangst und (zwei Kinder wurden geboren) Trapped Housewife Syndrom zwangsläufig entstanden, richtete Plath eben nicht nur gegen ihre Mitmenschen, sondern auch gegen sich selbst. Der Tod war für Plath ein Leben lang dominant in der Erinnerung an ihren ersten Suizidversuch 1953 - und er war Plaths Muse.

Alissa Walsers Übersetzung hält sich wohltuend eng an das amerikanische Original der Tagebücher, so (ängstlich?) eng, daß sie einmal "tight black chino pants" (klassische Freizeithose im Safaristil) mit "enge schwarze Chinahosen" übersetzt. Ein verzeihlicher Irrtum. Man gelangt auch und gerade über die Auslassungen zu einem komplexen Eindruck dieser anstrengenden, anspruchsvollen Sylvia Plath. Immer mußte sie sich vergleichen. Zeitgenossen wie Anne Sexton, Robert Lowell oder Adrienne Rich taten es da nicht als kreative Meßlatten, nein, es mußten gleich Virginia Woolf oder Auden sein, deren Künstlerwehen Sylvia Plath idealisierte und sich zum Vorbild nahm. Qualverstärkend wirkte der unselige, typisch amerikanische Glaube, daß man es schaffen könne, wenn man nur hart genug arbeite. Im Zwiegespräch mit dem Tagebuch gibt sie es sich denn auch kräftig, macht sie sich fertig, wenn sie den eigenen Ansprüchen nicht genügt.

Dabei arbeitete Sylvia Plath hart, hatte sie sich - vor der Welt das beneidete Golden Girl, nämlich schön, intelligent, begabt - bereits einen Namen gemacht. Viele Arten sind möglich, wie der Lebenswille über den Drang zu sterben triumphieren kann, schrieb Karl Menninger in seinem Grundlagenwerk "Psychoanalyse des Selbstmords", doch die allen Menschen innewohnenden konstruktiven und destruktiven Tendenzen befinden sich ständig in Interaktion. "Die Vorstellung, die ich vom Leben habe, verbaut mir das Leben", sah Plath 1959. Depressionen und Dissoziationsschübe in Zeiten scheinbarer Erfolglosigkeit wechselten mit Höhenflügen, wenn eines ihrer Gedichte, eine Geschichte zum Druck angenommen wurde. Schon der Umfang dieser gekürzten, lückenhaften "Tagebücher" gibt eine Ahnung davon, welche Unmengen Text und welche Kondensationsarbeit es brauchte, um das eine lyrische Bild zu finden, die einzig gültigen Worte. Anders als die andere berühmte Selbstmörderin Anne Sexton, die sich sogar in ihren Briefen an Freunde vor allem mit sich selbst beschäftigte, versuchte Plath immer wieder der großen objektiven Außenwelt samt ihrer kleinsten Ameise vor sich selbst Wichtigkeit zu verleihen.

"Muß nächste Woche meine Haare schneiden lassen. Symbolisch: überwinde diese gefühlsmäßige Tendenz, dich für ein schlampiges kleines Mädchen zu halten, das sich auf die Lippen beißt. Besorge dir Bademantel, Hausschuhe und ein Nachthemd & fördere deine Weiblichkeit ..." (28.1.59). Es scheint, als hätte Plath sich alles fest vornehmen müssen. Die "Tagebücher" dokumentieren verzweifelte Versuche, die Kraft zum Arbeiten zu finden, fröhlich zu sein und kleine Freuden zu schätzen, wenn die einzig zählende große Freude, veröffentlicht zu werden, ausbleibt.

Sylvia Plath ist nicht alt genug geworden, um sich besser mit sich selbst anzufreunden. Elisabeth Bronfen schrieb in "Nur über ihre Leiche", ihrer Studie über Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, nur zu überzeugend, daß jeder ästhetischen Transformation von Todeserfahrungen Gewalt innewohnt, und daß jede Darstellung des Sterbens gewalttätig ist, weil sie die sichere Position des Zuschauers voraussetzt. Plaths Hang, daß eigene Leben zu literarisieren, schlug schließlich in sein Gegenteil um. Im Februar 1963 steckte die 31jährige, deren Ehe gescheitert war, den Kopf in den Gasofen. Vorher hatte sie den Kindern noch im Nebenzimmer Milch eingegossen. Sylvia Plath war eine Extremistin und der Suizid ihre einzige Möglichkeit, endlich einmal "zurückzutreten".

Sylvia Plath: Die Tagebücher. Herausgegeben von Frances McCullough und Ted Hughes. Aus dem Amerikanischen von Alissa Walser. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 1997. 492 S., 54 Mark.

deutsche Bibliographie